Überkauft, überverkauft (Teil 2 mit Schiffeversenken)
18.06.09 (Aktuelle Kommentare)
Liebe Leser,
ohje, ich gebe zu, ein wenig hat mich bei dem Titel heute der Schalk geritten. Aber das Wort ‘Schiffeversenken’ wird im Laufe dieses Beitrags noch eine Rolle spielen – versprochen.
Im ersten Teil meines Beitrages ’Überkauft, überverkauft?‘ haben wir uns damit beschäftigt, wie die Marktzustände überkauft und überverkauft üblicherweise in Charts definiert sind. Diese Charts arbeiten mit Indikatoren, also mathematischen Glättungen der bisherigen Kursverläufe. So wird beispielsweise der bisherige Kursverlauf des DAX in einem solchen Indikator verabeitet. Das Ergebnis dieser Rechenarbeit gibt dann an, ob sich der DAX aus Sicht dieses Indikators in einem überkauften oder überverkauften Marktzustand befindet. Ich nenne einen solchen Indikator einen internen Indikator. Intern deswegen, weil in die Berechnung nur der Kursverlauf des betrachteten Börsenwertes einfließt. Es werden keine zusätzlichen Informationen eingearbeitet.
Genau hier sehe ich eine große Schwachstelle dieser internen Indikatoren. Da keine zusätzliche Information hinzukommt, stellen diese Indikatoren nur eine Vereinfachung des bisherigen Kursverlaufs dar. Viele professionelle Trader sind diesen Indikatoren recht skeptisch gegenüber eingestellt. Ich persönlich verwende sie eher selten und wenn, dann nur als zusätzliche Timing-Hilfe.
Überkauft und überverkauft in der Point&Figure-Charttechnik
Ich hatte Ihnen ja bereits am vergangenen Dienstag versprochen, dass wir uns heute anschauen, wie die Zustände überkauft und überverkauft in der Point&Figure-Charttechnik definiert sind. Hier arbeiten wir komplett anders. Nämlich mit einem externen Indikator. Wir bringen also zusätzliche Informationen in unsere Betrachtung ein.
Untersuchen wir doch einmal den S&P 500, also den US-Index der 500 größten börsennotierten US-Firmen, darauf, ob er aktuell überkauft oder überverkauft ist. Erstaunlicherweise benötigen wir dazu keinen bisherigen Kursverlauf dieses Index. Wir nutzen stattdessen eine wichtige Eigenschaft von Point&Figure aus.
In Point&Figure sind Kaufsignale als Ausbruchssignale definiert. Das bedeutet, dass eine Aktie dann in einem Kaufsignal ist, wenn sie ein vorheriges Hoch überschritten hat. Das bedeutet in der Konsequenz, dass bei solchen Aktien die Käufer bereit waren, höhere Preise zu zahlen. Es besteht also bei diesen Aktien ein höheres Kaufinteresse.
Als nächsten Schritt filtern wir die Aktien eines Index heraus, die sich in solch einem Kaufsignal befinden. Dann berechnen wir den prozentualen Anteil der Aktien in einem Kaufsignal zu allen Aktien des betrachteten Index. Diesen Prozentsatz nennt man auch den Bullish-Percent-Index). Diese Berechnung wiederholen wir täglich und erhalten so eine Datenreihe, die wir wieder in einem Point&Figure-Chart eintragen.
Ich stelle Ihnen als Beispiel heute den S&P 500 vor, bei dem diese Berechnung wie beschrieben erfolgte.
Stören Sie sich bitte nicht an der im ersten Moment ungewohnten Chartdarstellung. In Point&Figure werden Kursdaten prinzipiell gerastert. Steigende Notierungen werden mit einem X gekennzeichnet, fallende mit einem O. Ich denke, jetzt wird Ihnen auch mein Scherz mit dem ‘Schiffeversenken’ klar. Ich muss zugeben, dass jeder Point&Figure-Chart verblüffende Ähnlichkeit mit dem Spiel unserer Kindheit hat.
Aber eigentlich ist der Chart recht einfach zu verstehen: Wir sehen, dass der Bullish-Percent-Index des S&P 500 in der vorletzten Spalte einen Wert von über 74% erreichte und dann wieder bis auf 64,80% abfiel. Dieses Abfallen ereignete sich in dieser Woche. Am vergangenen Freitag notierte der Bullish-Percent noch über 74%.
Laut Definition beginnt in Point&Figure der überkaufte Zustand bei 70%. Ist diese Marke erreicht, sollte man keinesfalls mehr Aktien kaufen. Bestehende Positionen sollten Sie mit einem engeren Stopp abgesichert werden.
Wenn der Bullish-Percent-Index die Marke von 70% erreicht und überschreitet, ist die nächste Korrektur am Aktienmarkt nicht mehr weit. So schrieb ich am vergangenen Sonntag im P&F-Trader wörtlich:
Das Potenzial der Aktienmärkte ist aktuell sehr begrenzt
Dem S&P500 ist es in der Vergangenheit niemals gelungen, aus solch überkauften Lagen heraus stark zu steigen. Ganz im Gegenteil: In den meisten Fällen folgte nach einiger Zeit im überkauften Zustand ein massiver Kursabschwung. Aber auch hier kommt es auf das Timing an. Erst muss der Bullish-Percent-Index auf Bear-Confirmed wechseln, bevor das Verhältnis von Chance zu Risiko für eine Spekulation auf fallende Kurse optimal ist.
Fazit: Das Potenzial für steigende Kurse am Aktienmarkt ist minimal, aber für eine Spekulation auf fallende Kurse ist es noch zu früh. Wir setzen in den nächsten Tagen unsere erfolgreiche Strategie fort, in andere, chancenreichere Märkte wie Edelmetalle und Öl zu investieren.
Seither haben sich die Aktienmärkte deutlich nach unten entwickelt. Sie sehen also, dass sich das Beachten des Bullish-Percent-Index lohnt. Ich kann an dieser Stelle nicht auf alle Details eingehen. Aber ich werde das Thema Bullish-Percent-Index in den nächsten Wochen noch mehrmals aufgreifen.
Wie geht es nun mit den Aktienmärkten weiter?
Ich verrate Ihnen ja nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, dass die weitere Entwicklung des S&P 500 die Entwicklung aller Börsen beeinflusst.
Im S&P 500 ist der Kampf zwischen Bullen und Bären noch nicht entschieden.
Erst wenn der Bullish-Percent-Index unter 64% fällt, ist ein wirklich bearisher Zustand erreicht. Und erst dann müssen Sie mit weiteren und dann massiven Kursverlusten an den Aktienmärkten rechnen. Aber noch ist es keinesfalls so weit!
Viel Erfolg an den Börsen,
Ihr
Jörg Mahnert







