Zertifikate: zu komplex?, weg damit !
13.06.09 (Aktuelle Kommentare)
Liebe Leser,
wie bereits schon mehrfach erwähnt, sind wir nun schon seit einigen Jahren (eigentlich Jahrzehnte, aber wenn wir das schreiben, fühlen wir uns immer so alt und deswegen vermeiden wir das Wort Jahrzehnte) an den Börsen aktiv.
Es gibt Entwicklungen in dieser Zeit, die uns gefallen, wie wir in den Beiträgen ‘So nutzen Sie die wichtigsten Orderarten, Teil 1′ und ‘Teil 2′ beschrieben haben. Aber es gibt weitaus mehr Entwicklungen, die uns völlig ‘gegen den Strich gehen’.
Ein Thema, das in einem Lesergespräch wieder einmal auf den Tisch gekommen ist, ist die unserer Meinung nach ausufernde Entwicklung der Zertifikate. Nahezu im Minutentakt ’spucken’ die Entwicklungsabteilungen der Banken neue und immer komplexere Typen von Zertifikaten aus. Diese werden anschließend in die Vertriebskanäle der Banken und Broker ‘geschoben’, wo sie dann auf ‘Teufel komm raus’ an den Mann (bzw. die Frau) gebracht werden.
Selbst Profis sagen: ‘Weg damit’
Dazu haben wir ein interessantes Zitat in der Online-Ausgabe des Handelsblatts vom 11.5.2005 gefunden.
Doch den Profis geht es wie den Privatanlegern: Auch ihnen sind die neuen, komplizierten Produkte, die mittlerweile fast im Stundentakt den Ideenwerkstätten der Emittenten entspringen, zu umständlich. ‘Zertifikate sind zwar ein Bestandteil unserer Anlage’, sagt Gerald Kichler, Leiter Portfolio-Management bei der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch. ‘Unsere Richtlinie ist jedoch ganz klar: je einfacher das Produkt, desto besser.’
Zertifikate müssen durchschaubar sein – sonst verdienen nur die Banken!
In unserem Gespräch mit dem Leser kam übrigens Folgendes zu Tage: Er hatte ein Zertifikat auf Anraten seines Bankberaters gekauft, das – scheinbar vertrauenserweckend – das Wort Garantie in seiner Bezeichnung trug. Was dem Leser nachträglich seltsam erschien, war, dass diese Garantie offensichtlich in der ‘heißen’ Phase der Finanzkrise im Jahr 2008 nicht wirklich griff. Das Zertifikat entwickelte sich sogar noch deutlich schlechter als der DAX, obwohl doch garantiert war, dass der Einsatz erhalten bleiben sollte.
Wenn, ja wenn das Wörtchen ‘wenn’ nicht wäre…
Ja, wenn diese Garantie nur nicht dann hinfällig geworden wäre, wenn mindestens ein DAX-Titel mehr als 45%, gerechnet vom Kaufzeitpunkt des Zertifikats, an Wert verlieren sollte. Wohlgemerkt: Dieses Erlöschen der Garantie des ‘Garantie’-Zertifikats bezieht sich nicht auf die gesamte Wertentwicklung des DAX, sondern auf die Entwicklung eines Wertes. Und das hat zumindest die Hypo Real Estate ohne Probleme ‘geschafft’.
Ergebnis: Die Garantie des Zertifikats ist futsch, die Performance bescheiden und das Risiko gestiegen. Sie können sich vermutlich vorstellen, dass der Leser nicht sonderlich glücklich war, als wir ihm die Ergebnisse unserer Recherche mitteilten. Er besitzt nun statt eines (scheinbar) sicheren Zertifikats mit ‘Garantie’ ein ganz normales Zertifikat auf den DAX.
Doch damit nicht genug, wies das Zertifikat zum Zeitpunkt des Kaufs ein Aufgeld auf, war also teurer als der Wert der Aktien, die vom Zertifikat abgedeckt waren. Mit diesem Aufgeld hat sich die Bank ihre ‘Garantie’ bezahlen lassen. Und dieses Aufgeld ist natürlich auch weg – eben weil die Garantie nicht mehr besteht.
Fazit: Je komplexer, desto schlechter (für Sie als Anleger)
Der Leser wäre deutlich besser gefahren, wenn er ein ganz einfaches Index-Zertifikat ohne nennenswertes Aufgeld gekauft hätte. So hat er noch nicht einmal die Wertentwicklung des DAX seit Kaufzeitpunkt erreicht, wobei diese ja schon mehr als schlecht war. Übrigens: Nach Angaben des Lesers hat der Bankberater den Kunden nicht kontaktiert, als noch genug Zeit war, ohne oder mit geringem Schaden aus dem Zertifikat auszusteigen. Ich überlasse Ihnen, dies zu beurteilen.
Es hat sich in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass Zertifikate, die allzu komplex sind, immer wieder zu Lasten des Käufers gehen.
Unser Rat, den wir natürlich in unseren Börsendiensten selbst berücksichtigen: Bleiben Sie bei einfach strukturierten Zertifikaten! Und vor allem: Lesen Sie den Emissionsprospekt sorgfältig und klopfen Sie das Zertifikat auf mögliche Fallstricke ab.
Sie können sich sicher sein, dass Zertifkate, deren Wirkungsweise Ihnen nicht innerhalb der ersten 5 Minuten absolut klar ist, lediglich Produkte sind, die geschaffen wurden, um die Renditen der Banken zu steigern. Und ebenso können Sie sicher sein, dass die von uns zum Kauf empfohlenen Zertifikate zu durchschauen sind und nicht auf einmal gefährliche Fallstricke offenbaren. Und: Wir lassen Sie mit einmal empfohlenen Investments nicht allein. Auch wenn wir mal danebenliegen. Egal ob Zertifikate oder Aktien!
Viel Erfolg an den Börsen,
Ihr
Jörg Mahnert






